Von gewisser Spannung
Seit vielen Jahren schickt er mir, selbstredend still aber nicht stumm, einen morgendlichen Gruß, der, einem Fremden ungeahnt, mir aber, die die Zeichen lesen kann, immerwährend verständlich bleibt und ich beginne den Tag bei ihm mit einer ersten Tasse Kaffee. In seiner Größe steht er zu Gewicht und Alter, überblickt kapitänsgleich an immer gleicher Stelle die Lage, wo vor Jahren drei junge Männer alles an Ort und Stelle in Arbeitsstunden, die heute erinnerungsreich präsent, so umbauten, dass er, der stetig im Gestern, Heute und Morgen einlädt, zum Hausmittelpunkt erhoben war. Für den Familienbetrieb, ob geschäftig oder entspannt, rückt er alles raumgreifend ins rechte Licht, ein Licht, das für den Blick über den Tellerrand sorgt, wird ja gerade dann sein Dasein, ohne ihn geht vieles nicht, bei festfeierlichen Zusammenkünften aller Art geschätzt. An ihm erhält alles auch ohne Rang und Namen aus Verwandtschaft, Freunden und Fremden einen Platz und da er, wie kein anderer, im Charakter handgemacht und ausziehbar, mir seit Jahren im Kommen und Gehen des Hauses stets geblieben, ja beflissentlich treu war, wird er auch weiterhin nicht ohne Aufgabe bleiben. Aufgeräumt ist er leergeräumt, doch das ändert sich, wenn seine hellbraune Haut heute eine schützende Festtagsdecke erhält, bereit zu tragen, was an Aufmerksamkeiten kommen wird.
Heute ist mein Geburtstag und geschmückt mit Blumen und Karten, die bereits gestern durch den freundlichen Postmann, der jedes Mal mit einem Hallo mir zu Händen gibt, was er für mich hat, in mein Haus kamen, erlebt mein mit angesammelten Gebrauchsspuren besiedelter Küchentisch heute am angestammten Platz mein Fest und ich weiß, er freut sich über allen Maßen.
Es ist soweit. Die Gäste kommen.
In ungeordneter Reihenfolge aus meiner schon vor drei Monaten erstellten kleinen Einladungsliste stehen sie sich die langen oder krummen Beine in den Bauch, der mit oder ohne kleine Speckröllchen unter einer nicht zu feierlichen Garderobe verdeckt ist. Mit fremdverpackter Aufmerksamkeit, aufgehübscht in glänzender Schleifentüte, diese für alle sichtbar offen in der älteren aber gepflegten Hand getragen, wartet man geduldig in der Schlange, die weniger lang ist als die, welche freitags im Lebensmittelgeschäft nervt, bis man herandefilierend endlich an der Reihe ist, mir die Hand schüttelnd sich lächelnd bemüht, einen lustig bis dummen Spruch zu Alter und Aussehen über geschminkte Lippen zu bringen, dabei die angenehme Last von Geschenk oder Blume oder beidem loswird, meinen von Herzen bewegt freundlichen Dank annimmt, der nicht weniger Worte als Teile des Gastgeschenkes ausmacht, um sich dann immer noch lachend dem in Schrittweite von mir entferntem Beistelltisch zu widmen, da meine Bitte zur Wahl eines Getränk aus den aufgetischt bereits gefüllten Gläsern mit ebensolchem Lächeln ausgesprochen wurde. Die dargebotene Getränkeauswahl ist tablettgerecht klassisch, Sekt, Orangensaft, vorsichtig, nichts verschütten, mit Bedacht zielsicher nimmt man von dem, was ihm oder ihr in dieser Stunde wohl am besten bekommt.
Meine Gäste wandern mit ihrem Getränk in den in letzter Sekunde sauber hergerichteten Garten, der, mir als Reiheneckhausbesitzerin von April bis Ende Oktober Arbeit und Entspannung zugleich bietet, sich heute mit seinem frischen Grün und Bunt zeigt, um sich umgehend einen augenscheinlich guten Stehplatz an einem der mit Hussen bedeckten Bistrotischen auf der Lampion dekorierten Terrasse zu suchen, dort, einen winzigen Schluck zu sich nehmend, in die Runde der aufsehenden Anwesenden verhalten oder selbstbewusst, auf jeden Fall aber neugierig blicken, ein kurzes -Guten Tag- einwerfen, um dann geübt aus den älteren oder alten Augenwinkeln heraus festzustellen, wer sich, trotz nicht festgelegter Kleidungordnung ordentlich oder gewöhnungsbedürftig zeigt, um im Geiste zufrieden auf die eigene Schulter klopfend festzustellen, wohl mehr als passend gekleidet zu sein.
Sich im eigenen Urteil sonnend, trinkt man einen nächsten Schluck, gerade aber nur so viel, dass man nicht mit leerem Glase dasteht und damit den neugierigen Tischnachbarn beim Smalltalk, den man mögen kann, aber nicht muss, auffällt.
Ein leeres Glas beim, sicher in den nächsten Minuten für mich anstehendem Zuprosten, sähe dumm aus, ließe vielleicht die teils unbekannt Mitstehenden auf den ausufernden Gedanken kommen, man habe sich alkoholisch nicht maßvoll im Griff. Aber hier passt mein kellnernder Sohn auf, dass keinem der inzwischen zahlreichen Gäste das passiert, höflich erzogen fragt er nach, schenkt nach, man dankt und man hofft, jeder wisse sich zu benehmen in einer zusammengewürfelten Gesellschaft, wie der meinen.
Wenn die, die eingeladen sind, die sind, die da sind, komme ich in den Garten, hebe die rechte Hand mit einem Sektglas und begrüße die allseits Wartenden, richte mit Rundumblick Dank an alle, da sie meiner schriftlichen Einladung ohne Wenn und Aber gefolgt sind, sehe dabei frohhoffend in den graublauen Himmel, der sich bisher nicht eindeutig zum Wetter äußert, schicke Petrus einen erwartungsvollen Gruß, rufe dazu einen Trinkspruch - Jugend ist aus, doch Prosecco wäre noch da - auf meine frühabendliche Feier aus, was von allen mit einem Lächeln honoriert wird. Dann trinke ich betont langsam den Anstandsschluck der Gastgeberin.
Mein runder Geburtstag weist ein hohe Zahl auf, was eigentlich nichts zu bedeuten hat, aber so manch einer schließt von der gefeierten Lebenszahl auf die geistig körperliche Verfassung des Geburtstagsmenschen und so wollen, nachdem sich alle an den großen Gartentisch gesetzt haben und ohne, dass der Großteil der überwiegend weiblichen Gäste schon beschwipst ist, drei Gäste, die weder fremd noch zurückhaltend sind, mir ein Ständchen zum Besten geben, heißt, mit altbekannter Melodie und dem Reim gehorchend in Form gepresst erklingt Verdichtetes aus meinem Leben, was auf der Runde Wohlgefallen sinnt wie auf meines im Besonderen. Von nicht enttäuschten, den Mut bescheinigenden, wie auch mildlächelnden Blicken begleitet, tragen die drei ihre Kunde vor, geben dabei bereitwillig jedem, der sich aufgefordert fühlt, mit deutlichem Fußwippen sowie auffälligem Händeklatschen den Takt an und als wäre das nicht überzeugend genug, unterstützen sie mit Kopfnicken die Initiative aller, in den Refrain einzustimmen. Zu meiner Verwunderung wie auch Freude tun alle mit, da wohl niemand sich der mitreißenden, in Sonnenuntergang befindlichen Stimmung an diesem besonderen Abend zu entziehen mag.
Nach einiger Zeit des Beisammenseins klingelt es, der Lieferservice eines bekannten Restaurants tischt in der Küche meine Bestellung auf. Ich eröffne das Büffet.
Nach einigen Stunden der Kurzweil mit einer Musikgestaltung, die, an Ansagen der Gäste orientiert, an Wünschen nichts offenlässt, von meinem anderen Sohn als DJ zum Besten gegeben wird, sehen die Ersten - es sind die Letztgekommenen, die Stunde gekommen, in der sie die Feier wieder verlassen wollen. Sie stehen auf, blicken sich um, sagen den Sitznachbarn -Auf Wiedersehen- und bewirken, dass weitere Gäste sich angesprochen oder aufgerufen fühlen, sich dem Verabschiedungsritual anzuschließen. Mein Bedauern für das frühe Verabschieden ausdrückend - Reisende soll man nicht aufhalten - stehe ich von meinem bisher fünfmal gewechseltem Platz am Tisch auf, gehe ihnen entgegen, bedanke mich mit doppeltem Händedruck für ihr freundschaftliches Kommen und das liebevolle Geschenk, wobei ich nicht mehr weiß, zu welcher Geschenkkategorie es gehört, lästiger Staubfänger oder ungeliebter Untermieter, gebe ein buntgedrucktes Samentütchen -Herbstlicht- als Erinnerungsgabe mit, nicht ohne meiner Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass man sich in Zukunft doch öfters sehen sollte und wohl wissend, dass das nicht passieren wird, sagt der Verabschiedete gern zu.
So passiert dieser Vorgang mehrere Male. Dann ist es wieder still im Garten. Meine Söhne, die besten, die ich mir vorstellen kann, haben aufgeräumt, verabschieden sich nach Haus, natürlich mit einer innigen Umarmung und dick eingepackten, für drei Tage reichenden Essensrationen, nicht ohne von mir haushaltstechnische Tipps für Lagerung und Verzehr erhalten zu haben.
Ich bin allein, lösche die Windlichter auf dem Gartentisch, schließe die Terrassentür, setze mich mit meinem Glas und einer halbvollen Flasche Prosecco an meinen vollbeladenen Küchentisch, mache etwas Platz für das Laptop, nehme mir die kleine, aus einer alten Frauenzeitschrift ausgeschnittene Notiz, lese sie nochmals und vom Alkohol überzeugt, schreibe ich satzschluckweise einen kleinen Brief an eine unbekannte Adresse. Dann stehe ich auf, sehe auf Blumen und Geschenke, verabschiede mich von dem Tag, der mir schon als Kind von einer gewissen Spannung nicht frei blieb. Ich proste ihm zu, leere das Glas und weiß, der Küchentisch meines Vaters freut sich über allen Maßen.
(C) Maria Lange-Otto
Heute
Ihr Gefühl sagt, genauso ist es richtig. Es hätte nicht anders sein können.
Dann geht sie aus dem Haus, guckt in den Himmel und begrüßt das Blau.
Endlich wieder ein Blau da oben, das richtige Blau. Ein Blau wie aus ihrem ersten Malkasten,
das wurde schnell leer, weil sie es immerzu beim Malen brauchte,
und die Kunstlehrerin sie lobte, weiter so!
Wie kann man dieses Blau nicht lieben. Auch wenn es viele Arten von Blau gibt, das da oben ist heute das richtige Blau. Nicht wie das aus der Werbung für ein neues Mixgetränk, das schmeckt nach Chemie, auch nicht das Blau der Schaufenster in diesem Sommer, ein Blau, was sich nicht wehren kann, für Kleider und Hemden hell verwässert zu sein.
Heute ist es das Blau, das sie liebt. Das Blau der anhaltenden Kraft, dabei schwungvoll weiße Wolken für die Gedankenpause. So schmiedet das Blau den Tag, die Freude und die Arbeit. Vielleicht wäre blau machen heute eine gute Sache.
(C) Maria Lange-Otto
Nachtflirren
Keine Sterne - keine Ruhe - kein Schlaf.
Ein fast unmerklicher Luftzug streicht über ihre Haut. Mit Vertrautheit liegt die Frau an seinem Rücken, lauscht seinem Atem, er schläft schon. Die Hitze des vergangenen Tages ist gewichen, nicht die Unruhe ihres Herzens. Pendelgleich angestoßen stemmt sie sich gegen die Stimmungslawinen. Stetig aber wechselhaft kommen sie und wissen nicht wohin. Nicht mehr lange und sie werden anlanden wie Schlamm am Wehr ihrer Leichtigkeit. Auf Dauer hält das Wehr nicht stand, wird brechen, einzig geschuldet der anhaltenden Traurigkeit. Ihr Gärungsgift eingeatmet, wird die Frau am Morgen Rettung suchen. Das wird vergebens sein, denn frisches Fließwasser fehlt. Nötig wäre das Fließwasser seiner Aufmerksamkeit, das ihr Gemüt beruhigt, ihre Sehnsucht stillt und weiterzieht, um den alltäglichen Aufgaben freien Raum zu lassen.
Kein Blick - kein Kuss - kein Wort.
Gestern schon ließen seine Augen wenig Hoffnung regnen. Ungesagte Fragepartikel schwebten über der Türschwelle, als die Frau fragte, was wird dir morgen an uns noch wichtig sein und warum und welche Farbe haben meine Augen?
Nichts als überfordernde Müdigkeit lief über seine Lippen, wünschte sie doch, für sie wäre etwas dabei, was den nächsten Tag begrüßen und die Fließbewegung sichern könnte. Von Sehnsucht getragen, ließ die Frau nichts unversucht, steckte ihr Vermögen an Kraft und Ausdauer in die Aussicht, ihr Lohn würde den Gewinn seiner Aufmerksamkeit von Geist und Hand sichern. Doch nach Jahr und Tag sieht es nicht gut aus, so wie die Kirmeslosniete nicht gut aussieht. Die Frau hat noch nie etwas gewonnen, dachte lange Zeit, mit ihm wäre das anders. Und noch bevor die Nacht ihre Aufgabe beendet, ihr Flirren erlischt, ist er schon bald aus der Tür. Sein Duft im Kissen wird dem neuen Tag ebenso entkommen wie ihr müd gewordenes Bedauern über chancenlose Zeiten. So wird es dann werden, wie die Wahrsagerin einst die Herzlinie deutete: kein Zeichen, kein Weg, kein Morgen.
(C) Maria Lange-Otto